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Integration von Psychotraumatherapie und Traumatisiertenpädagogik

Der folgende Artikel erschien im Juni 2009 im Buch „Hinter dem Horizont geht´s weiter" von Hrsg. Frank Natho (Gamus Edition)

Mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers können Sie hier den Buchbeitrag von Gabriele Kluwe-Schleberger und Yvonne Bierbrauer lesen.

„Zur Integration von Psychotraumatherapie und Traumatisiertenpädagogik -
Aspekte eines salutogenetischen Konzepts in der stationären wie ambulanten Jugendhilfe

Yvonne Bierbrauer und Gaby Kluwe-Schleberger

Zusammenfassung

In diesem Beitrag wird die Notwendigkeit der Entwicklung und Anwendung eines integrativen traumatherapeutischen und traumatisiertenpädagogischen Konzeptes sowohl im Bereich der stationären Jugendhilfe, als auch der ambulanten Hilfe und Therapie vorgestellt. Der hier dargestellte integrative Ansatz wurde über Jahre in der Praxis empirisch evaluiert und ist mit Modifikationen auch für die Behandlung und Betreuung lern– und geistig behinderter traumatisierter Menschen geeignet. Das Konzept orientiert sich an dem aktuellen Wissen über Psychotrauma und die Folgen posttraumatischen Stresses. Im Rahmen der Gegebenheiten werden alle Beteiligten Partnerinnen an der Arbeit sowie dem Entwicklungs- und Heilungsprozess beteiligt. Zentrales Ziel ist die Optimierung der therapeutischen Behandlung und heilpädagogischen Begleitung durch die Orientierung an den Bedürfnissen, Möglichkeiten und Ressourcen der Kinder, Jugendlichen und Bezugspersonen. Die vorhandene Resilienz und die Ressourcen werden aktiviert, weiter entwickelt und bilden neben heilsamen Bindungsangeboten die Grundlage zur Stabilisierung und Aufarbeitung des Traumageschehens.

Grundlagen

Die Entwicklung eines Menschen, seine Menschwerdung, ist immer ein sozialer Prozess. Unsere Persönlichkeitsformung, unsere „Bildung", findet unentwegt im Kontakt und Austausch mit anderen Menschen statt. Wir sind zu jeder Zeit abhängig von unserer Mitwelt und unserer Umwelt. Wir leben in einem letztlich unübersehbaren Netzwerk, das auf uns einwirkt und auf das wir einwirken. Die Festigkeit und Zuverlässigkeit, die Intensität und Wertigkeit der Bindungen und Verknüpfungen des jeweils sehr individuellen und uns unmittelbar umgebenden Netzwerkes entscheiden sehr wesentlich mit über die Wirkung therapeutischer Maßnahmen, wenn physische oder psychische Störungen und Verletzungen vorliegen. Das gilt in besonderer Weise für psychische Traumata bei Kindern und Jugendlichen. Ob diese Traumata ihre Ursache in der nahen Umgebung selbst haben – zum Beispiel bei Vernachlässigung oder Misshandlungen im Familien-, Verwandten- oder Freundeskreis –, oder ob es sich um externe Einwirkungen wie Unfälle, gewaltsame Übergriffe, kriegerische Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen handelt. Alle therapeutischen Bemühungen können und dürfen letztlich das „pädagogische" Element nicht ausklammern. Psychotraumatherapie und Traumatisiertenpädagogik gehören zusammen. Und das nicht nur im familiären Raum, sondern vor allem auch in der stationären Jugendhilfe.

Wir schlagen in diesem Zusammenhang vor, eher von Traumatisiertenpädagogik statt von Traumpädagogik zu sprechen. Bei der Traumatherapie geht es um die Beseitigung eines die Entwicklung des Menschen negativ beeinflussenden Zustands, bei der Pädagogik dagegen ist, wie das Wort schon sagt, der ganze Mensch gemeint. Wir sprechen analog ja auch nicht von Behinderungs-, sondern von Behindertenpädagogik.

Wenn wir aber die Pädagogik aus der Therapie nicht ausklammern können und dürfen, dann müssen wir diese Zusammenhänge genauer unter die Lupe nehmen, müssen sie in der Praxis beobachten, analysieren und konzeptualisieren, um sie auch in der alltäglichen Praxis, aber vor allem auch in der Aus- und Weiterbildung angemessen berücksichtigen zu können. Das heißt: Unser Ziel muss es sein, disziplinäre, interdisziplinäre und transdisziplinäre Wissensbestände und Verhaltensweisen zu erarbeiten, die dann auch in unserer Praxis sowie im Aus- und Weiterbildungssystem ihren Niederschlag finden.

In unserem Konzept, das einen integrativen Ansatz von Psychotraumatherapie und Traumatisiertenpädagogik verfolgt, verbinden sich alte, langjährige Erfahrungen mit neuem Wissen sowie mit daraus entstandenen spezifischen Methoden. Wir möchten zeigen, wie durch integrierendes, kooperatives Wirken von Therapie und Pädagogik Heilung bei traumatisierten jungen Menschen, die im Rahmen der stationären Jugendhilfe leben, gelingen kann - sowohl auf personeller als auch auf institutioneller Ebene.

Entstanden ist das Konzept aus den Nöten in der Praxis und mit dem Ziel, für alle Beteiligten mehr Lebens- bzw. Arbeitsqualität zu erreichen. Dies kommt vor allem den betroffenen Kindern und Jugendlichen zugute, die bisher häufig sich und auch Erzieherinnen an Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit erlebt und dabei nicht selten eine wahre Odyssee bei Ärztinnen, Therapeutinnen, in Schulen und Heimen hinter sich haben. Dabei zeigt sich, dass in der therapeutischen und pädagogischen Praxis nicht allein Wissen und Erfahrung im jeweils eigenen Feld ausreichen, um traumatisierte Menschen optimal zu begleiten, sondern dass es eines mehrfachkompetenten Teams bedarf, um den Herausforderungen dieses komplexen Feldes gerecht zu werden.

Wir werden deshalb in drei Schritten eine Einführung in die von uns entwickelte Neurolaterale Imaginative Traumatherapie (NLITT) geben, anschließend eine der hierbei erfolgreich verwendeten Methoden – die Ressourcenmobilisierung – behandeln und schließlich Kernfragen der Zusammenarbeit und Arbeitsteilung von Therapie und Pädagogik besprechen. Hierbei wird es vor allem darum gehen, die Schnittstelle zwischen Therapie und pädagogischer Betreuung von Kindern und Jugendlichen im stationären Setting zu optimieren, um eine erfolgreiche professionelle Versorgung zu gewährleisten. Es zeigt sich, dass es durch eine professionelle Bearbeitung dieser Schnittstellen unter Einbeziehung aller beteiligten Partner wie betreuende Einrichtung und deren Träger, Therapeutinnen, Jugendamt, Schule, Eltern, Hilfsorganisationen, Polizei und Medien möglich wird, die Kinder und Jugendlichen bestmöglich zu versorgen. Durch deutliche Entwicklungsschübe wird die Aufenthaltsdauer in den betreuenden Einrichtungen zuweilen um bis zu zwei bis drei Jahre verkürzt.

Einführung in die NEUROLATERALE IMAGINATIVE TRAUMATHERAPIE (NLITT)

Die Neurolaterale Imaginative Traumatherapie (NLITT) vereinigt die Vorzüge der bilateralen Stimulierung einerseits und der imaginativen Techniken andererseits. Sie stützt sich dabei auf die aktuellen Erkenntnisse der Hirnforschung, wonach Vertrauen das „Gegengift" gegen Angst ist. Vertrauen besetzt die gleichen Hirnareale wie Angst und „fährt sie runter" (Hüther 2007). Ziel der NLITT ist also eine schnelle und gezielte Entlastung bei Hochstresslagen sowie die Befreiung von Angst durch Vertrauensbildung und Ressourcenstärkung. Gestärkt werden sollen in erster Linie die salutogenetischen Fähigkeiten des Organismus. Besonders gute Beispiele für die Anwendung der erwähnten neurobiologischen Erkenntnisse sind folgende drei Übungen, von denen die zweite etwas eingehender dargestellt werden soll:

Die Übung „Zurück in die Zukunft" entzerrt ganz bewusst Ort und Zeit durch Spaltung des Hier und Heute und Dort und Damals bei der neurolateralen Stimulierung. Gemeinsam mit dem - vom Protokoll angeordneten – imaginativen Wegführen vom Angst auslösenden Ereignis werden sehr schnell Entlastung, Tröstung und Selbst-vertrauen erreicht.

Die Übung „Ressourcenmobilisierung und –verankerung" hilft verschüttete Fähigkeiten ins Erleben zu heben und den Ressourcentransfer in die belastende Situation im Hier und Heute zu ermöglichen. Damit werden die lösungsnotwendigen Fähigkeiten aktualisiert und durch neurolaterale Stimulierung gefestigt.

Bei der Übung „Bildschirmtechnik zur Ressourcenstabilisierung", die eine alte Tradition in der Hypnotherapie hat, erfolgt zusätzlich zur Imagination die Projektion der Visualisierung auf eine imaginierte Projektionsfläche. Es werden also mehrere Sinneskanäle aktiviert. Durch mehrfache Neuverknüpfungen und Verankerung verfestigt sich die Ressource und bleibt stabil im Alltag verfügbar.

Ressourcenmobilisierung und –verankerung

Bei der NLITT-Übung „Ressourcenmobilisierung und –verankerung" geht es um folgendes: Vieles, was Menschen in ihrem Leben widerfährt, wird Kontext bezogen abgespeichert. Dies gilt auch für die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten. Ein Ressourcentransfer in neue Situationen ist für viele Menschen aus diesem Grund schwierig oder unmöglich. Die Übung hilft nun, verschüttete oder an bestimmte Kontexte gebundene Fähigkeiten ins Erleben zu heben und den Ressourcentransfer in die belastende Situation im Hier und Heute zu ermöglichen. Die Fähigkeiten werden in die Gegenwart transferiert und im Hier und Heute nutzbar gemacht. Damit werden die lösungsnotwendigen Fähigkeiten aktualisiert und durch neurolaterale Stimulierung gefestigt. Dabei wird zunächst die Situation, für die der Patient die Fähigkeiten benötigt, beschrieben und die Belastung von 0 - 10 eingeschätzt. In einem weiteren Schritt wird der alte Kontext, in dem die Situation entstanden ist, beschrieben. Aus diesem Kontext wird ein Bild herausgelöst, das die Person in Verbindung mit ihrer Fähigkeit oder Fertigkeit zeigt.

Dem Gehirn wird dadurch ein bildliches Symbol dargeboten. Durch diese Symbolisierung wird der alte Kontext verlassen und das Bild ins Hier und Jetzt geholt. Es ist bekannt, dass zum optimalen Speichern von Gedächtnisinhalten eine mittlere affektive Ladung hilfreich ist. Außerdem ist die Verankerung im Körperempfinden notwendig. Das wird bei dieser Übung dadurch erreicht, dass die positive affektive Ladung, die mit dieser Fähigkeit verbunden ist, bewusst gemacht und benannt wird. Dabei ist es sinnvoll, positiv konnotierte Affekte zu benennen. Das heißt, man bedient sich der durch den Nucleus accumbens angenehm eingefärbten Gefühle. Bei sogenannten kontaminierten, d. h. belasteten Situationen und Affekten werden weniger die Ressourcen mobilisiert, es wird vielmehr bereits die Aufarbeitung angestoßen. Das ist mit dieser Übung grundsätzlich möglich, aber nicht intendiert. Um dem Organismus die Verankerung dieser positiven Ressource und der Gefühle zu ermöglichen, ist die Benennung des Ortes und der Intensität des Körpergefühles wichtig. Durch das zusätzliche Verankern der Körperrepräsentanz wird der Transfer wesentlich vereinfacht, und auch die Verankerung bleibt stabiler.

Um ein stabiles Ressourcengerüst im Hier und Jetzt zu verankern, werden drei Ressourcen benannt. Diese werden auf dem beschriebenen Weg durch bilaterale Stimulierung im Hier und Jetzt verankert. Weitere Schritte sind die Zusammenfassung aller Ressourcen, Gefühls- und Körpergefühlszustände, eine erneute Verankerung und die Zukunftsprojektion. Das heißt: Die in der Gegenwart verankerten Fähigkeiten werden für die Zukunft nutzbar gemacht. Dabei sind unterschiedliche Vorgehensweisen möglich. Eine Variation ist, die schwierige Situation zu imaginieren, während der Patient mit den Fähigkeiten in Kontakt bleibt, was einer imaginativen Desensibilisierung gleich kommt. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Zukunftsprojektion in einer modifizierten Form der Bildschirmtechnik durchzuführen: Die Patientin bleibt mit den Fähigkeiten in Kontakt, visualisiert den Film mit der vorgestellten Belastungssituation und bleibt in Kontakt mit seinen Fähigkeiten. Dieser Prozess wird mit schneller bilateraler Stimulierung, etwa 25 x durchgeführt. Am Ende des Sets wird der Patient daran erinnert, dass er in Kontakt mit seinen Fähigkeiten ist. Aus dieser Position betrachtet er noch einmal den vorgestellten Film und schätzt die zu dem Zeitpunkt empfundene Belastung erneut ein. Diese sinkt deutlich. Bei Akuttraumatisierungen verändert sich der Belastungslevel nur unwesentlich um ein bis zwei Punkte pro eingestelltem Belastungsbild. Wenn die einzelnen Elemente noch deutlich dissoziiert sind, ist es erforderlich, die einzelnen Einstellungen in einem Ressourcenpool aufzubauen, um die Belastung insgesamt sinken zu lassen.

Die Neurolaterale Imaginative Traumatherapie erhält ihre Bedeutung nicht zuletzt von der von Francine Shapiro vor etwa zwanzig Jahren entwickelten psychotraumaspezifischen Therapiemethode EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), die die Möglichkeiten der Behandlung seelisch traumatisierter Patientinnen nachweislich erheblich verbessern kann. Nach neueren Metaanalysen der bisherigen kontrollierten Behandlungsstudien zur posttraumatischen Belastungsstörung gilt die EMDR-Methode als eines von vier effektiven Therapieverfahren (v. Etten & Taylor 1998). Die Methode ist u.a. von der American Psychological Association (APA) und der International Society for Traumatic Stress Studies (ISTSS) als effektiv anerkannt und wird weltweit erfolgreich in der Behandlung von Traumafolgeerkrankungen eingesetzt (Hofmann 1999 und 2008)

Daneben werden in der NLITT situativ - und prozessbezogen - Märchen, kunsttherapeutische Elemente, beseelbare Objekte (Vogt 2004) oder Gegenstände eines Therapiekoffers (Schneider 2008) eingesetzt. Auch frei erfundene Märchen, Heldengeschichten, Metaphern, Phantasiereisen und Imaginationen (Reddemann 2001), Theaterspiele mit Hand- oder Fingerpuppen, körperbezogene Arbeit (Vogt 2004) oder Strukturarbeit finden Einsatz. Dabei wird jeder Therapieschritt gemeinsam mit dem traumatisierten Kind entwickelt, durchgeführt und die daraus resultierenden Schritte für den pädagogischen Alltag vereinbart. Diese Arbeit wird vom Bezugserzieher dokumentiert, ins Team eingebracht und dort mit dem Kind umgesetzt. Dieser Prozess wird gleichzeitig evaluiert, und die Ergebnisse werden mit dem Kind in der nächsten Stunde ausgewertet. Daraus entwickelt das Kind mit dem Therapeuten den nächsten Schritt.

Traumatherapie und Traumatisiertenpädagogik - Zusammenarbeit und Arbeitsteilung

Das integrative Konzept „NLITT und Traumatisiertenpädgogik" ist auf die Therapie und Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Lernbehinderung sowie Voll- oder Teilbild einer Posttraumatischen Belastungsstörung oder Anpassungsstörungen ausgerichtet. Das Konzept lässt sich sowohl in der stationären Jugendhilfe wie auch im Bereich der ambulanten Hilfe realisieren.

Der Einsatz dieses Konzepts erfordert zwar zunächst einen Mehraufwand – nicht zuletzt auch durch erhöhten Fortbildungsbedarf – mindert aber deutlich die Gesamtkosten aufgrund der Verkürzung der Aufenthaltsdauer und der Minderung des Begleitungsbedarfs.

Durch die Weiterbildung im Bereich Psychotrauma mit qualifizierten Abschlüssen in Traumatisiertenpädagogik oder spezieller Psychotraumatologie nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) ist es den pädagogischen Mitarbeiterinnn der betreuenden Einrichtungen möglich, traumatherapeutische Methoden in die pädagogische Arbeit einzubinden und damit das Kind auf die Therapie vorzubereiten, zu stabilisieren und den therapeutischen Prozess zu begleiten und zu unterstützen. Während der Arbeit im stationären Setting wird der jeweilige Stand des Entwicklungsprozesses des Kindes berücksichtigt, seine Würde geachtet und seine Leistung anerkannt. Durch die gezielte psychotraumaspezifische Weiterbildung werden Mitarbeiterinnen des Jugendamtes für die Thematik traumatisierter Kinder und Jugendlicher besonders sensibilisiert und in die Lage versetzt, mit den Problemen dieser Kinder und Jugendlichen fachgerecht umzugehen und sachkundige Entscheidungen zu treffen.

Die Umsetzung des Konzeptes bringt viele Vorteile: Kostenersparnis für den Kostenträger (Jugendamt), frühere Rückkehr des Kindes in sein (stabilisiertes) Elternhaus. Außerdem kann der Träger der betreuenden Einrichtung gegenüber Mitbewerbern ein leistungsstarkes, Kosten sparendes Konzept vorweisen. Die Verkürzung der Therapiedauer spart ebenfalls Kosten und schafft neue Platzkapazitäten für andere zu versorgende Kinder; Schwierigkeiten in der Schule reduzieren sich; eine weitere Kostenersparnis bringen Synergieeffekte für die Geschwister der betroffenen Kinder. Für die Durchführung des integrativen Konzeptes empfehlen sich Raumkonzepte beispielsweise nach dem Würzburger Modell (vgl. z.B.: www.ktz-solingen.de/wuerzburger.html). Das heißt: Es ist auf Rückzugsräume und sichere äußere Orte zu achten. Außerdem sollten Kraft- und Übungsräume sowie Spielmaterialien, u. a. die Materialien des Therapiekoffers nach Wilfried Schneider, zur Verfügung stehen.

Voraussetzungen zur Umsetzung des Konzepts

Das Verständnis und die Offenheit des Trägers der betreuenden Einrichtung und dessen Bereitschaft, die Strategie gegenüber den Kostenträgern durchzusetzen, sind eine wesentliche Voraussetzung für die Umsetzung des Konzeptes. Dieses muss in die vorhandenen Netzwerke ambulanter und stationärer Traumatherapie integriert werden, was die betreuenden Ärzte, Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten und auch Zahnärzte mit einschließt.

Eine weitere Voraussetzung ist die Kooperationsbereitschaft der Schule, des Jugendamtes, ggf. der Polizei und anderer Behörden und Institutionen. Große Bedeutung hat zudem die Bereitschaft der Eltern – vorausgesetzt es handelt sich nicht um Tätereltern -, aktiv am Prozess mitzuwirken.

Die Mitarbeiterinnen in den betreuenden Einrichtungen benötigen eine Qualifikation ins Pädagogik, Sozialpädagogik, Heilpädagogik, Heilerziehungspflege oder Erzieherinnen. Sie müssen bindungsfähig, belastbar, achtsam, reflexions-, empathie- und teamfähig sein. Das sind unverzichtbare Fähigkeiten, auf die schon bei der Auswahl der Mitarbeiterinnen größter Wert gelegt werden muss. Die Bereitschaft zur professionellen Erfüllung ihrer Aufgaben und zur Kooperation mit den anderen Netzwerkpartnern ist Voraussetzung für die Umsetzung des Konzeptes. Zudem muss natürlich auch die Bereitschaft zur ständigen Fortbildung vorhanden sein. Der Personalschlüssel sollte sich zwischen 1:1,5 und 1:2 bewegen und gegebenenfalls auch eine Einzelbetreuung ermöglichen.

Zur professionellen Umsetzung des Konzeptes benötigen die Mitarbeiterinnen spezielle Kenntnisse in der Traumatisiertenpädagogik auf der Grundlage aktueller neurobiologischer und -physiologischer Erkenntnisse sowie Selbsterfahrung in Stabilisierungstechniken und Psychohygiene. Eine regelmäßige Weiterbildung in systemischer Familientherapie und -beratung ist Grundlage für die kontinuierliche Professionalisierung. Die Mitarbeiterinnen und die Leitung der Einrichtung sollten regelmäßig Supervisionen - als Konzept- oder Teamsupervisionen durch traumatherapeutisch geschulte Supervisorinnen oder als Einzel- oder Gruppensupervision - erhalten. Bei der Umsetzung des Konzepts ist immer zu beachten, dass Traumagedächtnis und neurotische Abwehr sich deutlich voneinander unterscheiden. Deshalb bedarf es zur Traumaheilung anderer Therapieschritte als in der Richtlinientherapie.

Grundvoraussetzungen für die Umsetzung des Konzepts sind neben der Ausbildung in Kinder- und Jugendlichentherapie eine umfassende traumatherapeutische Weiterbildung nach den Richtlinien der DeGPT, möglichst mit hohem Level auf der EMDR Lernkurve und mit Zusatzabschluss für Kinder und Jugendliche. Sinnvoll und empfehlenswert ist bei „psychologischen Psychotherapeuten" eine zusätzliche pädagogische Ausbildung und bei Pädagoginnenen ein Zusatzstudium in Psychologie. Da sich die integrative Arbeit vom Setting im Richtlinienverfahren unterscheidet muss die Möglichkeit gegeben sein, einen solchen Ansatz umzusetzen.

Die Frage nach Kostenträgerschaft muss im Vorfeld klar und deutlich geklärt werden, um den Therapieprozess nicht unterbrechen zu müssen. Hinsichtlich des Datenschutzes sind besondere Vorkehrungen zu treffen. Sowohl die Betroffenen als auch deren Betreuer müssen im Vorfeld über den Ablauf informiert und mit dem Setting einverstanden sein. Es besteht jederzeit die Möglichkeit einer Änderung des Settings. Im Unterschied zum üblichen Prozedere sollte hier die Traumatherapeutin das Lebensumfeld des Kindes, die Mitarbeiterinnen, Lehrerinnen, Eltern, Jugendamtsmitarbeiterinnen kennen, um bei notwendigen Interventionen die Lebenswirklichkeit berücksichtigen zu können.

Für die Umsetzung des Konzepts unverzichtbar ist die angemessene Kommunikation mit dem Kind oder Jugendlichen.

Zunächst erhält das Kind durch die Pädagoginnen, pädagogischen Fachkräfte oder Erzieherinnen und durch die Therapeutin Informationen über das Psychotraumaphänomen und die Interventionsmöglichkeiten. Das Setting wird ebenfalls mit dem Kind besprochen. Es geht dabei um Fragen wie: mögliche Anwesenheit der Bezugsperson; Information des Betreuerteams, gemeinsame Arbeit an den einzelnen Schritten:. Einbindung der Eltern; Bezugspersonenstunden mit dem Team, um den Prozess zu evaluieren; Klärung der Belastungsfähigkeit und damit um die Frage, wie lange sich das Kind überhaupt konzentrieren kann und was es auf welchem Sprachniveau versteht; Ressourcenorientierung und Stabilisierung sowie Zentrierung auf die Alltagsbewältigung und Affektsteuerung. Das Kind hat jederzeit die Kontrolle über den Prozess.

Nach einer solchen Aufklärungsarbeit sollte das Kind Zeit haben zu entscheiden, ob es sich auf den Prozess einlassen möchte, mit welchen Zielen, in welchen Schritten und in welchen Zeitabständen. Es muss die Möglichkeit erhalten, diese Entscheidungen jederzeit neu zu vereinbaren. Um dem Kind möglichst schnell erkennbare Erfolge erfahrbar zu machen und es so bei seiner Stabilisierung und Entwicklung zu unterstützen, werden Methoden wie NLITT und EMDR (Hofmann 1999; Tinker 2000; Greenwald 2001) eingesetzt (Furman 2005).

Schwerpunkt Elternarbeit

Ein besonders herauszuhebender Schwerpunkt des integrativen Konzepts ist die Elternarbeit, welche durch die Pädagoginnen und Betreuerinnen geleistet wird. Dadurch wird die Elternkompetenz gestärkt und das Familienumfeld stabilisiert. Die Elternarbeit zieht sich kontinuierlich durch den gesamten Prozess und gliedert sich in verschiedene Phasen, deren Ablauf jedoch fließend und übergreifend zu betrachten ist. Wegen der besonderen Bedeutung der Familienarbeit soll hier auf dem Hintergrund langjähriger Erfahrungen auf einzelne wichtige Elemente aufmerksam gemacht werden.

Die Elternarbeit beginnt mit der Kontaktaufnahme und dem Aufbau der Vertrauensbasis. Hier stehen die familiäre Anamnese und vor allem die Probleme im Vordergrund, die zur Herausnahme des Kindes aus dem Elternhaus führten: Welche Lösungsversuche gab es in der Familie? Wie wurden die Probleme – und vom wem in der Familie - erlebt? Welche Ursachen werden erklärt? Wie wurde der Familie bisher geholfen? Wie werden diese Hilfen rückblickend bewertet? Und vor allem: Welche Erwartungen haben die Eltern? Welche das Kind?

Die Ergebnisse aus der Kontaktaufnahme sind zu berücksichtigen, wenn es um die Festlegungen in einem sehr detaillierten Arbeitsbündnis geht. Zentrale Punkte im Arbeitsbündnis sind das Festlegen regelmäßiger gemeinsamer Termine und eine klare Strukturierung der Elternbesuche und des Elterntrainings. Festzuhalten sind auch die tragenden Regeln der Einrichtung und die Vereinbarung und Durchführung von gemeinsamen Familiengesprächsrunden mit Kind, Eltern, Geschwistern, und Betreuer zu aktuellen Themen im Gesamtsystem unter Anwendung verschiedener Methoden wie Rollenspiel, Zeichnen, Malen, Gestalten sowie unter Anwendung von Gesprächsführungstechniken.

Die Beurlaubungen der Kinder nach Hause bedürfen guter Vorbereitung und Begleitung. Gelegentlich sollte der Betreuer in der Familie zur Anleitung, Begleitung und Auswertung des Besuches anwesend oder wenigstens telefonisch erreichbar sein.

Unerlässlich ist eine intensive Elternarbeit – vor allem eine gut strukturierte und umfassende Kommunikation - während der Therapiebegleitung. Nur so lassen sich Eltern zum Wohle des Kindes in den Therapieprozess einbeziehen

Dieser gemeinsame Prozess ist nur in Freiwilligkeit und Transparenz aller Beteiligten in der erforderlichen Intensität realisierbar. Er erfordert die Herstellung, Erhaltung und ständige Überprüfung des gemeinsamen Arbeitsbündnisses. Entscheidend für den Austausch ist immer das Einverständnis des Kindes!

Die Rückführung des Kindes in die Herkunftsfamilie bedarf ebenfalls einer sehr sorgfältigen Vorbereitung. Hierzu gehören die Ausweitung der Dauer der Besuchszeiten, eine ständige Sicherung und Stabilisierung der erworbenen neuen Handlungsmuster und – strategien, die Begleitung des Kindes sowie der Eltern und Geschwister in der Familie. Hierbei sollten bewährte Strukturen aus der Einrichtung bzw. dem vorangegangenen Arbeitsprozess übernommen werden. Das entstandene soziale Hilfsnetz, in welchem sich Therapeuten, Jugendamt, Schule, Beratungsstellen u. a. befinden, sollte gepflegt und möglichst erweitert werden, bis der Ablösungsprozess weitgehend abgeschlossen ist.

Was die Mitwirkung der Schulen betrifft, so ist die Einbeziehung des Konzeptes in die Unterrichtsgestaltung wünschenswert. Das erfordert die Bereitschaft des Schulamtes zur Kooperation und interessierte, speziell geschulte Lehrer. Dabei haben die Betreuer der Einrichtung als Koordinatoren an den verschiedenen Schnittstellen eine hohe Verantwortung für den Transfer von Inhalten zu den entsprechenden Stellen. Möglich ist die Umsetzung des Konzeptes auch durch die Vereinbarung von Einzelkooperationen mit Lehrern. Beherrscht das Kind die deutsche Sprache nicht, ist ein Dolmetscher hinzuzuziehen.

Prozessgestaltung

Traumatisierung bedeutet Kontrollverlust. Traumaheilung heißt Erlangung der Kontrolle über den therapeutisch-pädagogischen Prozess für das Kind. Das erfordert Achtung, Würde und Respekt, Gewaltfreiheit und Transparenz für jede Intervention, jede Vereinbarung und jede Änderung. Das bedeutet aber auch, jederzeit Stopp sagen zu können.

Das nachfolgende Schaubild (Abb.1) beschreibt die Inhalte und Aufgaben der beteiligten Partner.



Vernetzung

Eine alte afrikanische Weisheit besagt: „Für die Erziehung eines Kindes bedarf es eines ganzen Dorfes." Die Metapher des Dorfes gibt aus unserer Sicht sehr deutlich das Prinzip der Vernetzung in der Traumaarbeit wieder. In diesem Bild stehen die Beteiligten und Partner im gemeinsamen Prozess für die Dorfbewohner: das Kind/der Jugendliche, die Eltern, das Jugendamt, die traumatisiertenpädagogische Jugendhilfe, die Schule und die Traumatherapeutin.

In der gemeinsamen Arbeit gibt es Grundsätze, die für alle Partner eine notwendige Vorraussetzung für den Erfolg des Prozesses darstellen. Dabei gehört das zu schließende und im Verlauf immer wieder zu überprüfende und zu sichernde Arbeitsbündnis zur unverzichtbaren Basis unserer Arbeit. Die Erfahrungen zeigen, dass für alle am Prozess Beteiligten das Bemühen um einheitliche Wertvorstellungen sowie Arbeitsprinzipien und das ständige Ringen um deren Realisierung entscheidend für den erfolgreichen Verlauf der integrierten psychotraumatherapeutischen und traumatisiertenpädagogischen Interventionen sind.

Als grundsätzliche Werte und Prinzipien betrachten wir dabei vor allem:

Offenheit, Transparenz, Achtsamkeit, Empathiefähigkeit, äußere Sicherheit, Eigenmotivation, Belastbarkeit, Reflexionsfähigkeit, Bereitschaft zur Kooperation und Transparenz, wozu sowohl die Kinder/Jugendlichen selbst, deren Eltern, wie alle professionellen Helfer, die darüber hinaus noch über Teamfähigkeit sowie die Bereitschaft zur Professionalität und Fortbildung verfügen müssen, in der Lage sein sollten.

Je entschiedener dieses – oder ein ähnliches - integriertes Konzept zum Wohle unserer Kinder – aller unserer traumatisierten Kinder – und ihrer Familien umgesetzt wird, desto menschenwürdiger werden die Bildungsbiographien der benachteiligten Kinder gelingen.

Literatur

Brisch, K.-H.(2002),Bindungsstörungen, Stuttgart: Klett-Cotta
Brisch, K.-H., Hellbrügge, T.(Hrsg.)(2005),Bindung und Trauma, Stuttgart: Klett-Cotta
v. Etten & Taylor (1998), Journal of Clinical Psychology
Furman, B. (2005), Ich schaffs!, Heidelberg: Carl-Auer
Greenwald,R.(2001), EMDR in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Paderborn: Junfermann
Gebauer,K./Hüther, G.(Hg.) (2002), Kinder brauchen Wurzeln, Düsseldorf und Zürich: Walter Verlag
Herman,J.(2003), Die Narben der Gewalt, Paderborn: Junfermann
Hofmann, A (1999), EMDR, Stuttgart: Thieme
Hofmann, A.,Shapiro, F.(Hrsg.)(2008),Einführungsseminar in der EMDR Methode Teil 1 (Ms.), Quelle: www.emdr-institut.de
Hüther, G.(2007), Biologie der Angst, Wie aus Streß Gefühle werden, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Parnell, L.(2003), EMDR-Therapie mit Erwachsenen, Stuttgart: Pfeiffer bei Klett- Cotta
Perry, B.D. / Szalavitz, M.(2006), Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde, München: Kösel
Reddemann, L. (2001), Imagination als heilsame Kraft, Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta
Reddemann, L. (2007), Freiburg im Breisgau: Herder
Schneider,W. (2008), Hamburg: Selbstverlag www.schneider-therapiekoffer.de
Seidler, G. (2008), Öffentlicher Vortrag. Burgklinikum Stadtlengsfeld (Ms.)
Steek-Fischer, A. (2006),Trauma und Entwicklung, Stuttgart: Schattauer
Tinker, R. Wilson, S. (2000), EMDR mit Kindern, Paderborn: Junfermann
Vogt, R. (2004), Beseelbare Therapieobjekte, Giessen: Psychosozial-Verlag
Weiß, W. (2006), Phillip sucht sein Ich, Weinheim: Juventa (3. Auflage)"

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