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Interviews G.Kluwe-Schleberger

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Die Macht der Tränen

Interview „Die Macht der Tränen“ in der Thüringer Allgemeinen

Am 19.12.2009 veröffentlichte die Thüringer Allgemeine ein Interview mit Gabriele Kluwe-Schleberger. Dabei geht es um die Macht der Tränen, über Trauer, Zorn und Ohnmacht.

Das komplette Interview können Sie hier als PDF herunterladen.

Den Teufelskreis durchbrechen

Seelische Verwundungen und Traumareaktivierung im Alter
NOVA, März 2007

Das komplette Interview können Sie hier als PDF herunterladen.

Amoklauf - Wenn ausgegrenzte Kinder zu Killern werden

Freies Wort, 08.12.2006

Psychotherapeutin Gabriele Kluwe-Schleberger über verletzte Persönlichkeiten, gestresste Ansprechpartner und nicht gehörte Notsignale

Erfurt, Emsdetten, nun Baden-Württemberg. Was läßt Schüler zu Amokläufern werden? Wir sprachen dazu mit Psychotherapeutin Gabriele Kluwe-Schleberger.

Robert S., der Amokläufer von Erfurt, und Bastian B., der Amokläufer von Emsdetten, spielten dasselbe Computerspiel, sie hörten dieselbe Musik, sie inszenierten sich in Schwarz: Vor allem scheinen beide Ausgegrenzte gewesen zu sein: Robert S. flog von der Schule und verkroch sich; Bastian B. wurde von Halbstarken gezwungen, einen glühenden Schlüssel in die Hand zu nehmen, in der Klasse nannten sie ihn Hurensohn.

Kluwe-Schleberger: Evolutionsgeschichtlich gesehen, lebten wir in Kleingruppen, ohne die wir nicht überleben konnten. Ausgrenzung bedeutete Tod. Unser Gehirn reagiert heute noch so. Ausgegrenzt sein kommt direkt im Schmerzzentrum des Gehirns an. Worte können töten.

Bei jungen Menschen wie Robert S. oder Bastian B. haben wir es mit seelisch schwer Verwundeten zu tun?

Kluwe-Schleberger: Unsere Gesellschaft unterschätzt das psychische Ausmaß solcher Demütigungen und ihre möglichen Folgen erheblich.

Einer seiner Lehrer berichtete, Bastian B. sei "der verschlossenste Schüler" gewesen, der ihm je untergekommen sei. Bastian B. saß in der letzten Bank, kommunizierte nicht und trug schwarz.

Kluwe-Schleberger: Sich zu schützen, ist eine Fähigkeit des Menschen. Verletzte legen die Rüstung an, sie verstummen. Sie machen zu. Die als feindlich empfundenen Anderen sollen nicht mehr an sie herankommen. Die Farbe Schwarz zum Beispiel ist in unserer Kultur die Farbe der Trauer, auch des Mangels an positiver Energie. Sie besagt: Lass mich in Ruhe. Aber auch: Mit mir ist was besonderes. Schwarz kann ein Zeichen sein, dass etwas vorgeht in der Psyche.

Schwarz trägt der Tod. Wünscht ihn das ausgeschlossene Schüler-Ich herbei, damit seine Qual ein Ende finde?

Kluwe-Schleberger: Hinter der Rüstung sitzt die Kränkung und arbeitet weiter. Das kann zur Implosion, also zum Selbstmord, führen. Dahinter steht die reale Verzweiflung. Wenn wir uns das - etwas vereinfacht - an der kindlichen Psyche veranschaulichen, haben wir folgendes Modell: Mama (oder die Welt) hat mir etwas nicht gegeben, ich bin traurig. Wenn ich tot bin, sollen alle an meinem Grab stehen und weinen.

... und endlich begreifen, was für ein wertvoller Mensch das eigentlich war, dem sie so zugesetzt haben. Trotzdem will doch keiner diese Form der Rache üben, wir wollen reden, lachen, teilnehmen - wir wollen leben.

Kluwe-Schleberger: Aus dieser Sehnsucht - wenn sie unerfüllt bleibt - gewinnt erst die Verzweiflung ihre Macht. Natürlich wollen junge Menschen ins Leben und darin ihren Sinn finden. Wissenschaftlich ist erwiesen, dass Selbstmörder Signale senden. Sie kündigen ihre Tat drei bis fünf Mal an. Wenn keiner da ist, der das aufgreift, dann erst passiert es. Nicht aus heiterem Himmel.

Demnach wäre davon auszugehen, dass auch Schul-Attentäter wie Bastian B. oder Robert S. ihr Vorhaben in irgendeiner Form ankündigen.

Kluwe-Schleberger: Beide haben ihre Not deutlich geäußert. Sie haben nach außen gebracht: Seht her, ich bin in Not! Es gibt immer diese Phase des inneren Kampfes, in der dann der Selbstmörder beispielsweise die Tat ankündigt.

Wir haben es bei Robert S. oder Bastian B. aber nicht mit leisen Selbstmördern zu tun, sondern mit Killern, die das große Finale beschlossen haben, das bis ins Detail geplante Blutbad.

Kluwe-Schleberger: Prinzipiell hat das ausgegrenzte und von seinem Empfinden her schwerverletzte Individuum zwei extreme Alternativen: Implosion, also Selbstmord, wäre die eine. Die andere heißt Explosion.

Mit anderen Worten Amoklauf.

Kluwe-Schleberger: Amokläufe sind spontan, wir reden über Hinrichtungen. Rufen wir uns noch einmal in Erinnerung: Die Ausgrenzung kommt im Schmerzzentrum unseres Gehirns an und bedeutet evolutionsgeschichtlich Tod. Geborgenheit, Bindung, soziale Nähe sind Elementarbedürfnisse, ohne die wir nicht wirklich leben können. Gibt sie uns Mami (oder übersetzt die Welt) nicht, grenzt sie uns aus, dann haben wir das Empfinden, Mami (oder die Welt) macht uns kaputt. Die Reaktion darauf wäre: Bevor Mami (die Welt) mich kaputt macht, muss ich Mami kaputt machen. Das ist Explosion.

"Macht kaputt, was euch kaputt macht." Das war der Kampfruf, mit dem die 68er ihre Wut in die Welt schleuderten.

Kluwe-Schleberger: Im Prinzip war das damals nichts anderes, aber - das ist der Unterschied - die 68er-Generation war sozial anders verankert. Die kamen zusammen auf Demos, die diskutierten. Bei aller Wut gab es eine soziale Einbindung in die Gruppe, da waren gewisse Grenzen nicht so leicht zu überschreiten.

Heute diskutiert das gedemütigte Individuum mit seinem Computer, spielt "Counterstrike" und ballert nieder, was es kaputt macht.

Kluwe-Schleberger: Man hat heute die virtuelle Möglichkeit statt des Miteinander. Aber die Maschine - wenn man alleine spielt - reflektiert einen nicht mehr kritisch.

Und so gleitet man ohne Einspruch hinüber in die eigenen Wahnwelten.

Kluwe-Schleberger: Wenn wir verletzt sind, kommen gewöhnlich Zerstörungsphantasien dazu. Das Individuum tut zwei Dinge: Es hat das dringende Bedürfnis, das eigene, gedemütigte Ich wieder aufzuwerten...

... es inszeniert sich als Helden, um ein positives Selbstbild zu schaffen.

Kluwe-Schleberger: Gleichzeitig entwertet es die Anderen, um den durch ihre Kränkung ausgelösten Schmerz kleiner zu machen. Der andere wird zum Feind, zur "Zecke", zur "Ratte", weil er mich gedemütigt hat, er wird entwertet und entmenschlicht.

Feindliches "Ungeziefer" kann man bedenkenlos niedermetzeln.

Kluwe-Schleberger: So fallen die letzten Grenzen.

In unserem Herzen muss es doch eine Stimme geben, die uns warnt: Halt, du betrittst gerade die Zone des absoluten Irrsinns?

Kluwe-Schleberger: Bleiben wir mal bei den 60er-Jahren. Da gab es große Identifikationsfiguren, die Kinder, Jugendliche und Eltern im Inneren bewegten: Martin Luther King beispielsweise. Oder Mahatma Gandhi und Albert Schweitzer. Meinetwegen auch Kunstfiguren wie Winnetou.

Den nehmen wir - und Old Shatterhand.

Kluwe-Schleberger: Als Kinder brauchen wir Geborgenheit und soziale Bindung. Innerhalb dieser sozialen Bindung lernen wir über Identifikation. Wenn wir einen Papa haben, der begeistert ist von Gandhi oder einer großen Idee, mein Vater war beispielsweise Missionar, dann identifizieren wir uns. Genauso identifizieren wir uns mit unseren Kinderhelden wie dem edlen Apachenhäuptling. Wenn unsere Identifikationsfiguren stabil und vertrauend in der Welt stehen, dann überträgt sich das auf uns als Kinder. In solchen Bindungen lernen wir Selbstvertrauen, wir lernen Vertrauen in andere, wir lernen letztlich das Vertrauen darauf, dass die Erde uns trägt. Das ist das Gegengift gegen Demütigungen, das beugt der Explosion vor.

Dieses Gegengift haben wir nicht. Bindungen lösen sich auf. Wir leben im Zeitalter der Mobilität - auch was unsere inneren Überzeugungen betrifft. Identifikationsfiguren sind kaum auszumachen. Viele Eltern oder Lehrer wirken doch eher wie Marionetten. Der Grad der gelebten Weisheit tendiert mehr und mehr gegen null, ebenso der Grad ihrer Standfestigkeit.

Kluwe-Schleberger: Das ist ein Problem. Die Familienstrukturen wurden im Interesse einer globalisierten Wirtschaft heruntergebrochen. Der Mensch soll heute flexibel sein und sich herumschieben lassen. Er wird bedroht von möglichem Arbeitsplatzverlust. Solche existentielle Unsicherheit schafft Ängste. In diesem Umfeld können starke Individuen und starke Familien nur schwer gedeihen. Es bringt in hohem Maße den leicht manipulierbaren steuerbaren, sich selbst nicht vertrauenden angstvollen Menschen hervor.

Der nicht mehr auf dem Felsen einer ureigenen Lebensanschauung steht und so als Identifikationsfigur taugen könnte, sondern nur atemlos herumhetzt in seiner Angst, den von außen an ihn gestellten Anforderungen nicht zu genügen. Stress pur.

Kluwe-Schleberger: Psychologisch gilt: Derart gestresste Eltern produzieren auch gestresste Kinder.

Gestresste Kinder sind ihrerseits superstressig für Eltern - oder Lehrer. Sie erhöhen deren Stresspegel weiter?

Kluwe-Schleberger: Damit sind wir mitten im Modell unserer Gesellschaft. Das ist der Teufelskreis, der sich aufschaukelt. Zu beachten ist ferner der Faktor der Angst. Unsichere Eltern mit Existenzangst geben die eigene Panik weiter an ihre Kinder, beispielsweise in Form von Notendruck.

Und alles landet in der Schule. Sie wird zum Spiegel einer Gesellschaft und verstärkt durch ihr System solche Mechanismen wahrscheinlich noch. Gestresste Kinder geraten unter existentiellen Druck. Die Einen werden aggressiv und produzieren so neue Verletzungen. Die Anderen panzern sich ein und implodieren oder explodieren irgendwann. Und keiner merkt's?

Kluwe-Schleberger: Gestresste Menschen, ob das nun die Eltern sind oder die Lehrer, entwickeln einen "Röhrenblick". Sie können nur auf das schauen, was sie selbst umtreibt und nehmen die andern damit zwangsläufig nur sehr unscharf wahr. Der Gestresste übersieht fast schon logischerweise die Notsignale, die sein Kind oder einzelne Schüler senden. Das ist dann eine weitere Verletzung des ohnehin Verletzten, der um Hilfe ruft. Er macht noch weiter zu. Er wird sich sagen, die Welt ist es nicht wert ...

... und sucht sich die passende Identifikationsfigur. Robert S. inszenierte sich bei seinem Amoklauf angeblich nach dem blutrünstigen Killer aus einem Film.

Kluwe-Schleberger: Ich bin nicht okay. Die Welt ist nicht okay. Nichts ist okay, also muss es kaputtgemacht werden. Das ist der Stoff, aus dem man Mörder macht; wir produzieren ihn - jeden Tag.

Interview: U. Günther

Zur Person: Gabriele Kluwe-Schleberger Gabriele Kluwe-Schleberger war Mitglied des Kriseninterventionsteams nach dem Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Die psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendpsychotherapeutin (so lautet die präzise Berufsbezeichnung) ist spezialisiert auf Psychotraumata. Die 55-Jährige aus Rohr bei Meiningen hat das Thüringer Trauma-Netzwerk-Zentrum - einen Zusammenschluss von speziell geschulten Psychotherapeuten, Ärzten, Sozialarbeitern - gegründet, mit dem Ziel, dass traumatisierte Menschen (Missbrauchte, Unfallopfer, aber auch Helfer wie Polizisten, Sanitäter oder andere) schnell kompetente Hilfe finden sollen. (Infos unter: www.thuetz.de)

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realisierung: hypertexxt
Stand: 19.07.17