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Interviews A.Wilms



Schneidende Gefühle - Wenn die Seelenqual unerträglich wird, machen viele den eigenen Körper zum Opfer

Bericht aus der Thüringer Allgemeine vom 25.7.2007

Von Michael WASNER

Sie schneiden sich mit Rasierklingen zentimetertief ins Fleisch, drücken Zigaretten auf dem Arm aus oder verbrühen sich mit heißem Wasser. Immer mehr Menschen verletzen sich absichtlich, wenn Ängste, Depressionen oder Selbsthass so groß werden, dass nur noch körperlicher Schmerz zu helfen scheint.

ERFURT. Der Kühlschrank springt an. Summt paar Minuten. Ist wieder ruhig. Summt dann erneut. Nora ist wach. Ihr Arm tut weh, zerschnitten von einer Rasierklinge. Hat sich damit die Haut aufgeschlitzt, bis Blut kam und jetzt sehen die Linien nebeneinander so aus, wie ein Strichcode auf den Waren im Supermarkt. Wischt sie den linken Arm ab und wickelt eine Binde drum.

Zwölf Jahre her, das erste Mal, ein Tag im Juni oder Juli, jedenfalls nicht lange hin bis zu ihrem 37. Geburtstag. Was genau war, da kann sie sich einfach nicht mehr dran erinnern. Hatte sich so ein Gefühl angestaut, ist immer mehr geworden und unerträglich. "Erst als ich mein Blut gesehen habe, war diese Spannung weg." Kam aber wieder.

Experten schätzen, dass sich in westlichen Ländern knapp ein Prozent der Bevölkerung während ihres Lebens mehrfach selbst verletzt hat - in Deutschland also 800 000 Menschen.

Bei Mädchen ist Schneiden fast zur Mode geworden "Früher hat man sich die Haare knallrot gefärbt, heute ritzt man sich", erklärt die Erfurter Psychologin Dr. Alina Wilms. "Gefährlich wird es, wenn Selbstbeschädigungen zum Hilfsmittel werden, um inneren Druck abzulassen. Menschen sich verletzen, bevor es jemand anderes tut. Sich verstümmeln, um sich unattraktiv zu machen. Oder jemand Schmerz braucht, um sich aus extremem psychischen Zuständen zurückzuholen", sagt Trauma-Therapeuten Wilms.

Warum? Auf die Frage wird Noras Blick starr. Sieht kurz so aus, als ob sie sich mit ihm an einem Punkt im Raum festhält. Doch die geweiteten Pupillen verraten, dass es ein Blick ist, der sich verliert, in ihr sucht, sich verläuft, bis er plötzlich mit einem Lidschlag wieder nach außen kommt, aber keine Antwort mitgebracht hat. Die Sätze, die sie nach solchen Momenten ausspricht, sind ein Ankämpfen gegen eine fehlende Antwort, aber in Wirklichkeit nur mehr von der Frage.

Es hat Tage gegeben, da ist sie raus aus der Wohnung, aus dem Neubaublock, die Straße runter, so lange gelaufen, bis ihr Körper erschöpft war und sie wieder klar im Kopf. Und Tage, da hat sie unterm Kopfhörer die Musik aufgedreht, bis die lauter war als ihre Gedanken. Hat gesoffen, um breit zu sein, nicht da zu sein. Wie im Wahn gegessen, bis sie ganz leer war, so voll war sie. "Hat alles nicht lange geholfen." Schneiden schon.

Ihr Körper wehrt sich jedes Mal, schaltet sofort ins Reparaturprogramm, an dessen Ende eine Narbe steht. Doch die Narbe ist nicht identisch mit dem Ort der Beschädigung. Als Mädchen missbraucht, als Frau von Männern geschlagen, arbeitslos, Scheidung, Frauenhaus, Angst, Panik, Psychiatrie, eine Tochter, die noch ein Kind ist, aber selbst schon eins hat und ein Sohn, der im Knast sitzt - wäre das Stoff einer Seifenoper im lauwarmen Vorabendprogramm, man würde dem Drehbuchautor vorwerfen, er hätte die Rolle der Nora übertrieben. Aber Umschalten geht hier nicht.

Bis weit in die 1990er-Jahre hinein galten solche Selbstverletzungen als Zeichen für eine Persönlichkeitsstörung: Borderline war lange Zeit eine Mode-Diagnose und so kritzelten Ärzte zuhauf "F60.31" auf den Befund - ein Etikett, das vielen angeklebt wurde.

Doch das Selbstbeschädigen ist nicht Erkrankung, ist Symptom. Mangelndes Selbstwertgefühl, gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper, kaputte Familien, Missbrauch: erst wenn die Ursachen bekannt sind, so Psychologin Wilms, "kann man die selbstzerstörerischen Muster überwinden". Vielen hilft eine Therapie. Verbietet man Patienten dagegen Selbstverletzungen, raubt man ihnen eine Bewältigungsstrategie, was die psychische Qual nur noch verstärkt.

Therapeuten lassen Betroffene deshalb zunächst ungefährliche Alternativen ins Notfallarsenal aufnehmen: ein Tropfen Tabasco auf die Zunge, auf Chilischoten beißen oder Eiswürfel stark in den Händen drücken, wenn der Drang wieder übermächtig wird. "Schmecken und fühlen statt schneiden", sagt Wilms.

Sich zu verletzen, muss in einer Gesellschaft umso befremdlicher anmuten, die eine dichte, straffe, glatte Haut zum Ideal erkoren hat. Eigenfett, Kollagen und Botox-Spritzen sind lediglich drei von zahllosen Möglichkeiten, die alle ein Ziel haben: eine makellose Oberfläche. Jede Falte, jede Wunde, jeder Riss bringen diese dagegen in Gefahr, jede Verletzung droht als Narbe eine Spur zu hinterlassen, die ein Leben lang bleibt.

Dass man in einer Gesellschaft Aufmerksamkeit erregen kann, die auf eine seidenglatte Körperhülle und auf Schmerzfreiheit fixiert ist, wenn man inneren mit physischen, mit moralischen Schmerz verbindet, zeigen Künstler wie Rainald Goetz, der sich 1983 beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis vor laufender Kamera die Stirn blutig ritzte.

Nora wird im August 49. Sie schneidet sich nicht mehr so oft, und nicht mehr an den Armen ("Schäme mich"), sondern den Beinen ("Weil man das nicht so sieht."). "Wenn ich irgendwann mit mir im Reinen bin, wird das hoffentlich aufhören."

Manchmal, wenn das Blut abgewischt und der Schnitt verbunden ist, liegt Nora da und denkt an alle Sachen, die sie nie kennen wird. Dann springt der Kühlschrank wieder an.

Amoklauf - Das Trauma nach dem Trauma

F.A.Z., Nr.272, 22. November 2006

Momente, in denen der gewöhnliche Lauf der Dinge aus den Fugen gerät, wie es jetzt in Emsdetten geschah, können traumatische Verletzungen hinterlassen. Ein falscher Umgang mit diesen Verletzungen kann ein ganzes Leben aus der Balance werfen, vor allem unmittelbar nach dem Ereignis, wenn die psychische Konstitution noch labil ist. Die Traumatherapeutin Alina Wilms spricht von einem „Trauma nach dem Trauma". Nicht nur während des traumatischen Ereignisses sei es charakteristisch, daß die Betroffenen keine Kontrolle mehr über sich und die Situation hätten. Auch in der unmittelbaren Folge wisse keiner, wie es weitergehen solle. Man müsse dann alles dafür tun, die aus den Fugen geratene Ordnung wieder in feste Bahnen zu lenken. Weil selbst die Polizisten vor Ort zu sehr in den Ereignisablauf verstrickt seien, müsse Hilfe von außen kommen, von Psychologen.

Alina Wilms hat das fünf Jahre lang getan. Nach dem Massaker, das der Schüler Robert Steinhäuser im Jahr 2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium anrichtete, leitete sie die psychologische Betreuung der Lehrer und Schüler. Von einem Amoklauf will sie in beiden Fällen, Erfurt und Emsdetten, nicht sprechen. Die Taten seien vorbereitet gewesen und nicht aus dem Affekt gekommen. Wilms erinnert sich an den chaotischen Beginn. Weil es vorher keine derartigen „Großschadensereignisse" (wie es die Technokratensprache der Krankenkasse bezeichnet) gegeben hatte, standen fertige Konzepte nicht zur Verfügung.

Auch beiläufig Beteiligte manchmal traumatisiert

Zunächst ging es darum zu klären, wer als psychologischer Betreuer in Frage kommt. In der Folge wurde der Kreis der Betroffenen definiert. Nicht nur Personen, die das Ereignis direkt erlebt hatten, bedroht worden waren oder vor Robert Steinhäusers Sturmlauf hatten fliehen müssen, zählte Wilms damals zu den Betroffenen. Auch nur beiläufig an der Situation Beteiligte können traumatisiert werden. Es sei daher wichtig, auch Lehrer und Eltern in die Betreuung einzubeziehen, und es sei wichtig, die irreal wirkenden Vorläufe sinnlich greifbar zu machen. Die Hilfe des Psychologen besteht daher vor allem darin, die Traumatisierten gegen Angstvorstellungen zu immunisieren, die sich in der Folge des Traumas heranschleichen und die sich an scheinbar banalen Reizen entzünden können. In den ersten Stunden und Tagen tat Wilms alles dafür, die Schüler gegen belastende Reize abzuschotten. Man dürfe ihnen in dieser Zeit nichts aufdrängen und nur auf expliziten Wunsch über das dramatische Ereignis reden.

Die Erfurter Traumaspezialistin unterscheidet drei Phasen der psychologischen Betreuung: In einer ersten Phase, der Psychoedukation, klären die Traumatherapeuten darüber auf, welche Symptome (wie Schlafstörung, Konzentrationsstörung oder Reizüberempfindlichkeit) sich einstellen können. Es gilt, den Betroffenen das Erstaunen und Erschrecken über sich selbst zu nehmen, wenn sie sich verändert wahrnehmen. In der zweiten Phase sollen imaginative Übungen feste Vorstellungsräume ausbilden, die unwillkommene Assoziationen gegebenenfalls überdecken können. Wilms spricht beispielhaft von einem inneren Tresor, in den man den imaginären Film hineinlegt, den man sich von dem Ereignis gedreht hat.

In der letzten Phase, der Traumkonfrontationsphase, ging die Therapeutin mit den Schülern in das Schulgebäude, genau auf den Wegen, die sie damals auf der Flucht vor Robert Steinhäuser entlang gerannt waren. „Jeder hatte sich vorher eine Art eigenes Drehbuch zurechtgelegt und konnte sich daher in der Situation zurechtfinden." Bis das Trauma aufgearbeitet sei, könnten jedoch viele Jahre vergehen. Auch jetzt, mehr als vier Jahre nach dem Massaker, muß sich Wilms noch häufig mit den Folgen des Ereignisses beschäftigen.

Text: thom., F.A.Z., Nr.272, 22. November 2006
Bildmaterial: AP, privat

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